Interview mit Bestatterin Janna Schaarschmidt: „Ich bin achtsamer mit mir und meinem Körper“

Auch wenn das Bild des konservativen, männlichen Bestatter über fünfzig weit verbreitet ist, wird es nicht der vielschichtigen Realität der Bestattungsbranche gerecht. Auch viele Quereinsteiger und auch junge Bestatter, die nicht aus Familienbetrieben kommen, haben in dem weiten Feld der Bestattungsbranche ihren Platz gefunden. Darunter auch zunehmen junge Frauen, die sich jedoch ihren Platz und damit auch den Respekt ihrer Kollegen, härter verdienen müssen.

Wir waren bei der jungen Bestatterin Janna Schaarschmidt zu Besuch, die sich im Oktober 2016 mit ihrem eigenen Beerdigungsinstitut Schaarschmidt Bestattungen in Hamburg Barmbek selbstständig gemacht hat- und das sehr erfolgreich. Mit ihr haben wir über die Rolle des Geschlechts, Achtsamkeit und Trends in der Bestattungsbranche gesprochen.

 

Wie bist du zum Beruf der Bestatterin gekommen?

Janna Schaarschmidt Bestatterin

Janna Schaarschmidt Bestatterin

Das war noch zu Schulzeiten, als ich in der zehnten Klasse war und wir alle begannen uns zum ersten Mal so richtig mit unseren Berufswünschen auseinanderzusetzen. Ursprünglich wollte ich bei der Kripo arbeiten, aber wie es der Zufall wollte, hatte ich die Möglichkeit bei einem Bestatter eine Woche lang ein Praktikum in den Schulferien zu machen.

Da der Betrieb mir dann einen Ausbildungsplatz angeboten hat und es mir dort gut gefallen hatte, habe ich das Angebot angenommen. Wobei ich vorher noch mal bei einer Versorgung dabei war, um zu schauen, ob ich auch mit dem schwierigsten Teil des Berufes klar komme. Als ich diese „Probe“ dann bestanden hatte, habe ich zugesagt. Also alles ohne große Vorgeschichte oder Hindernisse. Es hat sich alles sehr gut für mich gefügt.

 

Wann war dir klar, dass du dich als Bestatterin selbstständig machen möchtest?

Eigentlich war mir schon zu Beginn der Ausbildungszeit klar, dass ich irgendwann mein eigenes Bestattungshaus gründen möchte. Ich hatte schon von Anfang an ganz viele Ideen, die ich gerne selbst umsetzen wollte. Zwar habe ich in guten Betrieben gearbeitet, aber wenn man es selbst macht, weiß man wofür man es macht.

Nach der Ausbildung habe ich allerdings bewusst in unterschiedliche Bestattungshäuser geschaut, um Erfahrungen zu sammeln und meine eigene Richtung zu finden. Ich wollte nicht ohne Konzept starten. Diese paar Jahre haben mir ganz genau gezeigt, was ich machen möchte und was auch nicht. So fiel es mir, als es dann soweit war, sehr leicht meine Ideen zu konkretisieren und umzusetzen.

 

Was für Erfahrungen hast du in Bezug auf dein Geschlecht in der Branche gemacht?

Gerade habe ich auf Facebook in einer Bestattergruppe eine Diskussion dazu verfolgt. Es ist schon erstaunlich, was für Vorurteile in der Bestattungsbranche immer noch herrschen.

Ich weiß noch als ich mit einer Kollegin eine Versorgung für einen Abschied am offenen Sarg gemacht habe.Wir standen sehr unter Zeitdruck, da die Aufbahrung schon am folgenden Tag stattfinden sollte. Dazu kamen Kommentare von den männlichen Kollegen, die fest daran glaubten, dass wir das nicht hinbekommen würden.Es war wirklich körperlich anstrengend – keine Frage – aber das Ende vom Lied war, dass wir alles rechtzeitig und gut geschafft hatten und uns Respekt verdient hatten. Die Familie hatte die Möglichkeit, sich von Ihrem Verstorben zu verabschieden. Und das war unser Ziel.

Schaarschmidt Bestattungen Empfang

Schaarschmidt Bestattungen Empfang

Wenn man erstmal „bewiesen“ hat, dass man es kann, wirkt das Wunder.

Eine andere Situation hatte ich vor kurzem mit einer Lieferantin, die auf meine Vision qualitativ hochwertige Bestattungen zu fairen Preisen anzubieten nur Skepsis und sogar fast Mitleid für mich übrig hatte. So in der Art „Kleines, du wirst schnell merken, dass das nicht funktioniert“. Da ich nun schon seit Monaten bei ihr bestelle und sie merkt, dass es bei mir gut läuft, ist sie zurückgerudert. Auch hier musste ich erstmal „beweisen“ dass ich es als junge Bestatterin mit einem eigenen Bestattungsinstitut „drauf hab“.

Ich muss souverän und professionell arbeiten. Dann gebe ich denjenigen die tratschen wollen keine Angriffsfläche. Also versuche ich meinen Weg zu gehen und mich nicht von anderen unter Druck setzen zu lassen.

 

Wie ist dein Rat für Frauen, die Bestatterin werden wollen?

Auf jeden Fall nicht unterkriegen lassen! Man braucht aber auch eine gehörige Portion Selbstbewusstsein und ein dickes Fell. Viele Dinge darf man einfach nicht persönlich nehmen. Kollegen, die reden, wissen ja gar nicht, was für eine Person du privat bist. Sie sehen dich als Bestatterin und beziehen alles, was du tust, auf das Berufsbild bzw. auf das Merkmal „weibliche Bestatterin“. Aber eine Person lebt ja eben nicht nur in seiner Funktion, sondern die Persönlichkeit setzt sich aus vielen andere Dingen zusammen, in die die Kollegen gar keinen Einblick haben.

Ich glaube, dass man aber auch viele Vorteile als Frau in dem Beruf hat. Ich kann als Frau sehr gut delegieren, meine eigenen Kräfte einschätzen und gegebenenfalls daran arbeiten oder andere beauftragen, wenn ich denke, dass ich es alleine nicht schaffe. Es gibt überhaupt keinen Grund sich dafür zu schämen. Das heißt ja auch, dass ich achtsamer mit mir und meinen Körper bin. Ich habe nicht das Bestreben meine Grenzen zu übertreten, nur um zu beweisen, dass ich etwas kann.

 

Apropos Achtsamkeit. Wie sieht es mit der Work-Life-Balance bei dir aus?

Natürlich kommt das Privatleben im Moment kurz. Aber ich stehe ja auch noch ganz am Anfang und möchte mich nicht beklagen. Ich bin glücklich, dass ich so gut zu tun hab.

Wenn ich ein bisschen Zeit habe, teile ich diese am Liebsten mit meinen Freunden und meiner Familie. Dann kochen wir zusammen oder ich versuche einen Kurzurlaub unterzubringen. Manchmal reicht schon ein Wochenende am Meer. Allerdings muss ich natürlich immer damit rechnen, durch einen neuen Sterbefall zurück geholt zu werden.

Beratungsraum Schaarschmidt Bestattungen

Beratungsraum Schaarschmidt Bestattungen

Am Ende ist es aber alles eine Einstellungssache. Ich akzeptiere, dass das zu meinem Beruf gehört. Versuche aber dennoch, mir meine Freizeit zu nehmen und sie gut zu gestalten. Von daher ist Work-Life-Balance für mich schon wichtig, aber nur im Rahmen des auch Machbaren.

Zudem wusste ich vor Beginn meiner Selbstständigkeit, dass sich durch die eigene Firma Einiges ändern wird in meinem bzw. unserem Leben. Darüber haben wir vorher viel gesprochen und nachgedacht und uns dann für den Schritt entschieden.

 

Wo stößt du an deine Grenzen?

Wo ich immer wieder mal an meine Grenzen stoße sind rechtliche Dinge, beziehungsweise, wie „besondere Fälle“ gehandhabt werden. In Deutschland gibt es sehr strenge Regularien rund ums Thema Bestattung, die dann oft auch landesweit unterschiedlich geregelt sind. Da fehlt mir manchmal das Verständnis.

Außerdem ist es manchmal auch innerhalb der eigenen Reihen schwer Veränderungen durchzusetzen. Die Uhren laufen hier langsamer. Man muss sich immer erst beweisen, um Vertrauen kämpfen, um Änderungen durchzusetzen. Das hat natürlich auch mit dem Alter der Entscheidungsträger zu tun. Und auch die nachfolgende Generation braucht noch ihre Zeit, denn auch sie müssen noch um Vertrauen kämpfen und sich beweisen.

 

Wie müssen sich Bestatterinnen, deiner Meinung nach, für die Zukunft aufstellen?

Ich glaube, dass es nicht nur thematisch wichtig ist, sich gut für die Zukunft aufzustellen, sondern auch auf mentaler und körperlicher Ebene. Ein Thema ist dabei Achtsamkeit, worüber wir ja schon ein bisschen gesprochen haben. Ich muss gut für mich und meinen Körper sorgen, damit ich auch noch in 10 bis 20 Jahren meine Arbeit noch machen kann. Deshalb ist es so wichtig, sich einerseits einen privaten Ausgleich zu suchen und andererseits auch seinen Körper zu trainieren und zu pflegen. Deshalb versuche ich so oft wie möglich Sport zu machen und mir Hilfe zu suchen, wenn ich an meine Grenzen stoße.

Schauraum Bestattungen Schaarschmidt

Schauraum Bestattungen Schaarschmidt

Ein anderes wichtiges Thema ist Offenheit. Die Digitalisierung ist in vollem Gange. Doch merkt man das im Bestattungswesen kaum. Anmeldungen werden z.B. immer noch per Fax an den Friedhof gefaxt und es entsteht immer noch eine Menge Papierkram. All das lässt sich für mich nicht mit modernen Leben und Arbeiten vereinen.

Auch dem Thema Digitaler Nachlass wird meiner Meinung nach, noch viel zu wenig Beachtung geschenkt. Wenn ich einen Fall habe, bei dem ein junger Mensch beteiligt ist, frage ich explizit nach, ob es ein Thema ist oder war. Und das Thema Digitales Erbe wird natürlich noch an Bedeutung gewinnen.

Auf Dauer kann es sich kein Bestatter leisten, die Augen vor neuen Entwicklungen zu verschließen. Auch wenn alles etwas langsamer vonstatten geht, muss man sich fragen, wohin der Trend geht und darf nicht ganz stehen bleiben. Ich finde hier passt das Zitat von Schiller gut „wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.“

 

Vielen Dank, Janna!