Teil VII: Interview mit Bestatter Timo Krüger: „Ich wünsche der Branche mehr Offenheit“

Bestatter werden kann eigentlich Jeder, so sagt man. Ein Grund, warum es eine zunehmende Zahl von Quereinsteiger in der Branche gibt. Dennoch sind die meisten Bestattungsunternehmen immer noch Familienbetriebe, in denen die Männer mehrerer Generationen in den Beruf hineingeboren werden. Viele entscheiden sich aber auch ganz bewusst für das Berufsbild des Bestatters. 

Einer von Ihnen ist Timo Krüger von Bestattungen E. Leverenz. Wir haben mit ihm über Trends und Befürchtungen rund ums Thema Digitalisierung und Wandel in der Bestattungsbranche gesprochen und waren ziemlich schnell beim Du.

Wie bist du zum Beruf des Bestatters gekommen?

Ich selbst bin, wie viele andere in der Branche, durch meine Eltern mit den Beruf in Berührung gekommen. Mein Vater ist 2002 als Mitinhaber in das Bestattungsinstitut Leverenz eingestiegen, nachdem er zuvor schon bis Ende der Achtziger Jahre in der Bestattungsbranche tätig war. Damals war ich allerdings noch zu jung, um davon viel mitzubekommen. Daher wurde mir der Beruf nicht „in die Wiege gelegt“, sondern ich kam auch erst ab 2002 damit in Berührung. Ich habe dann als Jugendlicher in den Ferien hin und wieder mal ausgeholfen. Ab da war für mich aber relativ schnell klar, dass dies durchaus eine Art „Traumberuf“ für mich sein könnte.

Daher habe ich mich nach der Schule 2005 für die Ausbildung zur Bestattungsfachkraft entschieden, die ich in einem Braunschweiger Bestattungshaus absolviert habe. Die Ausbildung hat mir auch sehr gefallen, trotzdem wollte ich mich noch weiter ausprobieren. Also begann ich zunächst ein Studium, welches mich zurück nach Hamburg brachte. Wie es der Zufall wollte, suchte Leverenz 2010 gerade einen Mitarbeiter, so dass die Entscheidung für mich schnell fest stand.

Wir haben uns gefragt, was du als junger Bestatter in der Branche für Entwicklungen beobachtest?

Es tut sich etwas. Ich glaube, die Branche öffnet sich langsam. Sowohl nach außen, als auch innerhalb der Branche findet eine Öffnung statt.

Heutzutage ist es ganz normal, mit den Angehörigen vorab über Preise zu sprechen und Kostenaufstellungen zu erstellen. So etwas war früher doch eher die Ausnahme. Dadurch wird auch mehr kommuniziert, was wir als Bestatter eigentlich genau machen. Viele Teile der Bevölkerung haben ja doch eine recht schwammige Assoziation mit dem Beruf des Bestatters. Das Bild in der Öffentlichkeit ist eher geprägt durch das Bild des Bestatters zum Beispiel aus Lucky Luke. Dies hat aber natürlich mit unserer täglichen Arbeit recht wenig zu tun.

Auch untereinander ist der Austausch reger geworden. Wenn ich mich in meiner Generation so umschaue, dann findet doch zwischen Vielen ein reger Austausch statt, von der alle profitieren. Der Eigenbrötler, der vor sich hinwurschtelt, und sich nicht in die Karten schauen lassen möchte, ist da mittlerweile eher in der Unterzahl.

 

Der Klassiker ist immer noch der Familienbetrieb. In letzter Zeit haben sich aber auch Quereinsteiger einen festen Platz in der Branche gesichert. Welches Modell wird zukünftig die Regel sein?

Das ist natürlich schwierig vorherzusagen. Es gibt zwei Meilensteine, die zu mehr Offenheit gegenüber dem Beruf des Bestatters und somit zu einer Öffnung der Branche geführt haben. Zum einen, weil es seit 2003 nun endlich ein anerkannter Ausbildungsberuf ist, zum anderen auch durch das verstärkte Interesse der Medien. Das führt dazu, dass immer mehr Menschen den Beruf wählen, die klassischerweise nicht aus alteingesessenen Bestatterfamilien stammen.

Wichtig finde ich, aus welchen Beweggründen dies geschieht. Sieht jemand diesen Beruf als Berufung, ist es relativ egal, ob er ein ausgebildeter Bestatter oder ein Quereinsteiger ist. Ist er dagegen der Meinung, in der Bestattungsbranche lässt sich leicht viel Geld verdienen, so sollte er sich hinterfragen, ob dies moralisch der richtige Beweggrund ist, um diesen Beruf zu ergreifen.

Aber allgemein ist frischer Wind immer gut, und Erfahrungen aus anderen Berufszweigen können der Branche allgemein helfen, sich weiterzuentwickeln. Ich glaube, es wird eine weitere Diversifizierung des Angebotes stattfinden. Vom klassischen Familienbestattter, über Quereinsteiger, die ihre Schwerpunkte vielleicht mehr auf die Trauerbegleitung legen, oder auf sogenannte „alternative Bestattungen“. Wobei dies häufig auch eher ein Kommunikationsproblem der alteingesessenen Betriebe gegenüber dem Kunden ist. Denn in der Regel bekommt man auch dort all das, womit viele Quereinsteiger lautstark werben. Der Kunde weiß es nur häufig nicht, weil der Bestatter es nicht gut genug kommuniziert hat.

Ein von der Bestattungsbranche kritisch beäugter Trend sind die Internetbestatter. Verschlafen die regionalen Bestattungshäuser gerade die Digitalisierung?

Eine Bestattung gehört nach wie vor zu den persönlichsten Dienstleistungen, die es gibt. Daher ist hier auch die Schwelle der Kunden besonders groß, auf die persönliche Beratung zu verzichten und die Beisetzung online in Auftrag zu geben.

Außerdem setzen viele Angebote im Internet momentan nur auf den Preis und wirken in meinen Augen nicht gerade seriös. Dies führt zwangsläufig dazu, dass auf Dinge wie den Umgang mit den Verstorbenen oder die hygienische Versorgung und das Ankleiden weniger Wert gelegt werden. Der Kunde bekommt von diesen Dingen ja auch in der Regel nichts mit und fragt häufig nicht nach. Hier ist es auch unsere Aufgabe, Aufklärungsarbeit zu leisten.

Mit Blick auf andere Branchen im Einzelhandel sollten wir aber damit rechnen, dass auch diese Schwelle irgendwann fallen wird. Ob in den nächsten 5 oder 10 Jahren, kann ich nicht sagen.

Regionale Bestatter sollten daher die Entwicklung im Internet auf jeden Fall im Auge behalten um gegebenenfalls schnell reagieren zu können. Andernfalls besteht tatsächlich die Gefahr, wichtige Trends zu verschlafen bis es zu spät ist.

 

Die wichtige Frage ist also: warum „hinkt“ die Branche so hinter her?

Ob die Branche wirklich hinterherhinkt, ist ja die Frage. Die Bestattungsbranche wird auch von Seiten der Kunden sehr traditionell behandelt. Viele Neuerungen von der Bestatterseite werden von den Angehörigen oft erst viel später angenommen. Ein Beispiel ist der Trauerdruck oder Gedenkseiten. Und das liegt natürlich auch am fortgeschrittenen Alter der Verstorbenen und deren Konfessionen und Traditionen. Es gibt eben sowohl regional als auch religiös beeinflusst viele Bräuche und Riten, welche sich, wenn überhaupt, eben nur langsam ändern.

Außerdem spricht die Mehrheit der Bevölkerung immer noch nicht gern über die Themen Tod und Sterben. Zumindest bevor es einen nicht selbst betrifft. Das sind viele Hürden und Bremsen für eine schnellere Entwicklung der Branche. Andere Branchen hatten es da viel leichter.

Wobei ich diese „Langsamkeit“ nicht unbedingt negativ finde. Um uns herum wird gefühlt jeden Tag alles ein wenig schneller, Althergebrachtes wird von einem Tag auf den anderen über den Haufen geworfen und viele kommen gar nicht mehr hinterher. Da ist eine gewisse Entschleunigung sicher nicht verkehrt. Man sollte sich nur nicht dadurch einlullen lassen und trotzdem versuchen, wachsam zu bleiben um sowohl Chancen als auch Risiken rechtzeitig zu erkennen.

 

Was würdest du jungen Frauen und Männern empfehlen, die BestatterInnen werden wollen, empfehlen?

Tut’s nicht! (lacht laut auf). Die Frage, die sie sich stellen sollten ist: warum will ich Bestatter werden? Gefällt mir die Beratung, die Versorgung oder die Begleitung am besten? Der Beruf ist sehr vielfältig, Ich denke, dass man sich einfach sehr gut aufstellen muss, offen für Neues und immer nach rechts und links schauen sollte. Man sollte aber auch eine klare Haltung einnehmen, sich fragen was für ein Bestatter möchte ich sein? Und was ist meine Motivation hinter der Berufswahl?

 

Wie unterscheidet sich deine Arbeit heute von der z.B. deines Vaters, vor allem in Bezug auf die Tools und Programme, die du nutzt?

Natürlich benutze ich heute andere Hilfsmittel und Werkzeuge, um zu einem Ergebnis zu kommen, als es vor 20 Jahren der Fall war.  Wir nutzen heute die Programme, die wir teilweise schon hatten, intensiver und effektiver.

Die Papierkataloge wurden durch iPads ersetzt, durch Smartphones und cloudbasierte Telefonanlagen hat sich auch viel an der Arbeitsweise geändert.

Auch die Möglichkeiten bei den Trauerdrucksachen haben sich natürlich stetig erweitert. Oder Bilder der Verstorbenen, die wir auf den Trauerfeiern aufstellen. Diese können wir heute selber erstellen, ohne auf die Hilfe eines Fotografen oder Copyshops angewiesen zu sein.

Die Möglichkeiten sind heute natürlich vielfältiger, sich auch dadurch voneinander abzuheben. Allerdings sind einige Sachen dadurch auch komplexer und vielleicht sogar stressiger geworden. Heute erwarten die Angehörigen nicht nur ständige telefonische Erreichbarkeit, die für uns sowieso alltäglich ist, sondern schicken auch Emails, erwarten zu jeder Zeit eine sofortige Kostenaufstellung und dergleichen.

Und am Ende ist es nicht so wichtig, welche Werkzeuge wir einsetzen, was zählt ist nach wie vor das Ergebnis. Und natürlich der persönliche Umgang mit den Angehörigen. Wir dürfen bei aller Professionalität und Digitalisierung nie das Zwischenmenschliche aus den Augen verlieren. Wenn die Angehörigen uns und unserer Arbeit nicht vertrauen, nützen die tollsten Programme genau gar nichts.

 

Und nun eine abschließende Frage. Was wünscht du der Bestattungsbranche?

Mehr Offenheit. Ich glaube, dass Bestatter für die Zukunft gut aufgestellt sind, wenn sie sich weiterbilden und die Ohren und Augen in Richtung anderer Branchen offenhalten. Außerdem sollten sie sich eine Marketing- und Kommunikationskompetenz ins Boot holen, wenn sie es selbst nicht können oder schaffen.

Und allgemein einfach mehr kommunizieren. Mit anderen BestatterInen, aber auch nach „draußen“, mit ihren Kunden. Dass muss gar nicht marktschreierisch oder morbide sein, sondern pietätvoll, interessant und aufklärend. Die Branche muss einen Weg finden, um mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, auch wenn gerade kein Todesfall in der Familie eingetreten ist. Der Tod gehört zu unser aller Leben, wird jedoch meist ignoriert und verdrängt, bis es zu spät ist. Dieses Schweigen gilt es zu brechen.

 

Vielen Dank, Timo Krüger für das Gespräch!